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NS-Machübernahme am Abend des 11. März 1938
NS-Machübernahme am Abend des 11. März 1938

Solidarität und Ausschluss in Innsbruck 1938

Aufmärsche, Appelle und Eintopfsonntage riefen eine emotionale Hochstimmung hervor. Teil der NS-Erlebnisgemeinschaft zu sein, hieß auch, Mittellosen zu helfen. Das stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl, gerade weil die Mitarbeit an der „großen Sache“ auf rassistischer Ausgrenzung beruhte.

von Univ. Doz. Mag. Dr. Horst Schreiber (erinnern.at)

In regelmäßigen Abständen sammelten nationalsozialistische Organisationen Spenden für Bedürftige und arme Familien. Wer mitmachte – und es mussten alle mitmachen –, erfuhr die NS-Volksgemeinschaft in der Praxis und sich selbst als Teil kollektiver Opferbereitschaft. Das Sammeln und das Verteilen von Kleidung, Lebensmitteln und Geld versinnbildlichten die neue Zeit: das Zusammenrücken der Nation und die symbolische Überwindung der Klassengegensätze. Das NS-Regime inszenierte Spendenaktionen wie Volksfeste, um die Verbundenheit von Führer, Partei und Volk zu beschwören. Spielmannszüge der Hitler-Jugend und Musikkapellen sorgten für Aufsehen und Stimmung. Menschenaufläufe waren die Folge, Hunderte standen in Innsbruck, Tausende in ganz Tirol mit ihren Spendenbüchsen bereit. Die NS-Presse stellte in Aussicht, Teil eines gemeinnützigen Ganzen zu sein: „Liebe Hausfrau, du möchtest einmal aus eigener Kraft deinem weniger gut gestellten Volksgenossen helfen. Das kannst du, wenn du hier und da etwas einsparst. Du hilfst dem deutschen Volk in seiner Gesamtheit.“

Bekenntnis zur NS-Volksgemeinschaft

Weitaus stärker als die Freude betonte die Presse das Gebot und die Pflichterfüllung. Sie schrieb von der ersten Pflicht, der doppelten Pflicht, der selbstverständlichen Pflicht, von der Notwendigkeit, sich in den Dienst der Sache zu stellen. Die Rede von der Freude, dem Gebot und der Pflicht schloss Drohungen mit ein: „Ein fanatischer Wille zum Helfen muß uns durchdringen und keine Ruhe dürfen wir haben, so lange wir wissen, daß noch ein Volksgenosse in Not ist. Der Führer hat uns Deutschland geschenkt, wir geben ihm dafür unsere Herzen. Das was er für uns getan hat, danken wir ihm durch restlosen Einsatz und blinden Gehorsam. Er hat zum Opfer aufgerufen, erbärmlich der Wicht, der sich verschließt und der sich damit abseits stellt von seinem Volk. Opfert und zeigt damit, daß ihr euch restlos zur Volksgemeinschaft bekennt.“

Spendensammlung für Volk, Führer und Nation
Spendensammlung für Volk, Führer und Nation

Soziale Integrationskraft

Die hohen Sammelergebnisse waren ein Beitrag der einfachen Mitglieder der NS-Volksgemeinschaft für das Funktionieren der Diktatur. Sie zeigen die Mobilisierungsfähigkeit des Systems und seine soziale Integrationskraft. In den Massenspektakeln waren die Menschen in einer Erlebnisgemeinschaft integriert. Die Teilhabe an ihren Praktiken in einer ausgeklügelten Propaganda band sie stärker an das NS-Regime und übte eine Sogwirkung auch auf Menschen des katholischen und sozialdemokratischen Milieus aus, die es noch zu gewinnen galt. Das Hervorrufen starker positiver Gefühle in der Masse schuf eine emotionale Verbindung. Die Regie von Rausch und Begeisterung verdrängte intellektuelle Reflexionsprozesse. Von Parolen und Regeln konnte man sich distanzieren, vom Dabeisein viel weniger. Die Rituale und Praktiken mussten ständig aktualisiert werden, um dem Gemeinschaftsgefühl Dauer zu verleihen. Die unentwegte Mobilisierung der „Volksgemeinschaft“ mit ihrer Suggestion gesellschaftlicher Harmonie barg Gefahren der Routine, der Abnützung und des Verlustes ihrer Wirkungskraft. Erfolgreiche Inszenierungen hingen vom Geschick der jeweiligen Akteure ab und es gibt eine Reihe von Quellen, die über Misserfolge berichten. Im Laufe der Kriegsjahre trat eine Spendenmüdigkeit auf, die aber durch die Stimmungsmache zugunsten des Einsatzes für „unsere Soldaten im Feld“ und den „Endsieg“ gemindert werden konnte.

Das Leid der einen, stärkte das Wir-Gefühl der anderen.
Das Leid der einen, stärkte das Wir-Gefühl der anderen.

Ein Volk der Auserwählten

Das NS-Regime instrumentalisierte das Bedürfnis nach Zusammenhalt, um arisch-deutschen Kindern und Alten zu helfen, während Behörden und Gestapo „Karner-Familien“ auseinanderrissen, Bettler verfolgten und „Arbeitsscheue“ zwangen, sich als entrechtete und billige Arbeitskräfte in Fabriken, Hotel- und Gastbetrieben zu verdingen. Die Verbundenheit mit der Führerdiktatur stieg, weil den Ausgeschlossenen der „Volksgemeinschaft“ Solidarität vorenthalten wurde. Die Nationalsozialisten führten den Rechtstatbestand der unterlassenen Hilfeleistung ein. Man war nun gesetzlich verpflichtet, allen Volksgenossen im Falle einer Verletzung in einem Unglücksfall zur Seite zu stehen; wer hingegen einem Juden half, machte sich strafbar. Die Identifikation mit dem Nationalsozialismus und mit dem Führer befeuerte nationale Größenphantasien und das Triumphgefühl des Herrenmenschen. Einem mächtigen Kollektiv wie der NS-Volksgemeinschaft anzugehören, löste lustvolle Gefühle aus. Es war grandios, ein Volk der Auserwählten zu sein. Die Tiroler strömten daher in Massen in die NSDAP. Sieben Jahre später wollten alle nur mehr verführte Opfer des Dämons Hitler gewesen sein.