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Alte Ansicht der ehemaligen „Villa Buchroithner“ in der Richard-Wagner-Straße in Saggen, die 1957 mit Spendenmitteln angekauft wurde, um ein Heim für ungarische Schüler einzurichten.
Alte Ansicht der ehemaligen „Villa Buchroithner“ in der Richard-Wagner-Straße in Saggen, die 1957 mit Spendenmitteln angekauft wurde, um ein Heim für ungarische Schüler einzurichten.

Herberge dringend gesucht

aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum von Susanne Gurschler

Als der Ungarn-Aufstand 1956 blutig niedergeschlagen wurde, flüchteten 180.000 Menschen nach Österreich, unter ihnen zahlreiche unbegleitete Minderjährige. Viele kamen nach Innsbruck und fanden hier eine neue Heimat. 

Die Demonstranten, die am 23. Oktober 1956 über den Josef-Bem-Platz Richtung Parlament bzw. Rundfunkgebäude marschierten, waren voller Hoffnung. Sie marschierten für ein Ende des Einparteiensystems. Sie wollten freie Wahlen, Meinungs- und Pressefreiheit. Sie wollten Demokratie. Und sie hofften, die Regierung würde auf ihre Forderungen eingehen. Doch sie irrten sich. Wenige Tage später rollten russische Panzer über die Grenze und der Volksaufstand in Ungarn wurde blutig niedergeschlagen.

Flucht nach Österreich

200.000 Ungarn flüchteten daraufhin, der Großteil nach Österreich. Unter den Schutzsuchenden waren zahlreiche unbegleitete Minderjährige. Dank einer Hilfsaktion, die von der Marianischen Kongregation (MK) in Innsbruck initiiert wurde, kamen viele dieser Kinder und Jugendlichen nach Innsbruck.
Die nach Österreich Geflüchteten wurden zunächst in Sammellagern wie Traiskirchen versorgt und dann auf die Bundesländer verteilt – nach Tirol allein bis Dezember 1956 mehr als 5.600 Personen. Nicht alle blieben, viele emigrierten später weiter u. a. nach Amerika. Als der Innsbrucker Jesuit Georg Szentkereszty, der 1949 selbst aus Ungarn geflohen war, erfuhr, dass sich in den Sammellagern viele Kinder ohne Begleitung fanden, bat er Eltern von MK-Jugendlichen, ungarische Kinder und Jugendliche bei sich aufzunehmen.

Zusätzlich gab es Aufrufe in den regionalen Medien. So stand in den „Tiroler Nachrichten“ vom 26. November 1956 unter dem Titel „Wer nimmt ungarische Mittelschüler auf?“: „Bisher konnten in Innsbrucker Familien ungefähr 70 ungarische Mittelschüler oder -schülerinnen untergebracht werden. Wir suchen weitere Familien, die solche Jugendliche aufnehmen können.“ Umrahmt von einem Beitrag, in dem es um die historisch enge Verbindung zwischen Ungarn und Tirol ging.
Insgesamt meldeten sich rund 110 Familien, erinnerte sich Szentkereszty in Alexandra Haas' Buch „Ungarn in Tirol. Flüchtlingsschicksale 1945-1956“. Um die Übersiedlung zu beschleunigen, fuhren Helfer auf eigene Faust los und brachten die Schutzbedürftigen direkt aus den Lagern nach Tirol. Privatpersonen spendeten Geld, Lebensmittel und Kleidung. Innsbrucker Wirtschaftstreibende unterstützten die Aktion mit finanziellen und Sachmitteln, gaben Rabatte auf Einkäufe. Das war dringend nötig. Denn als sich in den Lagern herumsprach, dass es in Innsbruck eine ungarische Mittelschule gibt, wurden immer mehr Kinder nach Tirol geschickt.
Diese kleine Schule war bereits 1945 in Räumlichkeiten des Bundesrealgymnasiums in der Angerzellgasse eingerichtet worden, um den damals aus der sowjetischen Besatzungszone Geflohenen eine reguläre Schulbildung zu ermöglichen. Da die Kinder über keine Deutschkenntnisse verfügten, die Schulen völlig überfüllt waren, hatten die politisch Verantwortlichen beschlossen, eine eigene ungarische Schule zu gründen.

Anlässlich des Volksaufstandes in Ungarn kam es auch in Innsbruck zu Solidaritätskundgebungen. Das Foto entstand „um 1956“.
Anlässlich des Volksaufstandes in Ungarn kam es auch in Innsbruck zu Solidaritätskundgebungen. Das Foto entstand „um 1956“.

Schulplätze für alle als Herausforderung

Auch 1956 stellte sich die Sprachbarriere als größtes Problem heraus. Um den Ansturm zu bewältigen, wurden weitere Klassen für Volks-, Mittel- und Oberschüler eingerichtet. Ab Februar 1957 gab es in Innsbruck elf Klassen. Um alle Schüler zu unterrichten, wurden diese im Wechsel halbtägig unterrichtet und die Platznot war dermaßen groß, dass die Schule mehrmals übersiedeln musste. Zudem gab es akuten Bedarf an Heimplätzen für Gymnasiasten.
1957 wurden der Verein „Ungarisches Jugendheim Innsbruck“ und der „Ungarisch-Österreichische Kultur- und Schulverein“ gegründet, Ziel war ein für die Unterbringung von Schülern geeignetes Objekt anzukaufen. Aus Mitteln internationaler Förderer (darunter First Aid for Hungary, Niederländisches Rotes Kreuz) erwarb der Verein „Ungarisches Jugendheim Innsbruck“ die Buchroithner-Villa in der Richard-Wagner-Straße 3, bestehend aus Haus, Garten und Wirtschaftsgebäude. Über 80 Burschen zogen ein; als die Zahl der Schüler und Klassen im „Ungarischen Gymnasium“ zurückging, wurde dieses 1960 in die Villa verlegt. Für die Mädchen erwarb die Caritas ein Haus in der Gänsbacherstraße, das ebenfalls als Heim dienen sollte.
Neben der schulischen Erziehung der Kinder gehörte deren kulturelle Bildung zu den zentralen Aufgaben der Organisation. Im November 1957 wurde ein Kulturinstitut eröffnet. Dort gab es Deutschkurse, Filmabend, Musikinstrumente und Sportgeräte standen zur Verfügung.
Ebenfalls 1957 entstand der „Verband Ungarischer Studenten und Akademiker in Innsbruck“ (Vusai). Da im kommunistischen Ungarn nur studieren durfte, wer „fortbildungsfähig“ war, also zu einem guten Kommunisten erzogen werden konnte, und die Plätze bevorzugt an Arbeiterkinder vergeben wurden, kamen Absolventen kirchlicher Einrichtungen, Kinder aus Intellektuellenkreisen und aus dem Bürgertum kaum zum Zug. Viele hatten sich nach der Niederschlagung des Volksaufstandes nach Österreich aufgemacht.

Treffpunkt für UngarInnen

Als Ort der Begegnung galt den Geflüchteten das „Ungarnheim“ im Saggen. Die dortige Schule wurde zwar 1963 aufgelöst, das Studentenheim aber besteht immer noch und feiert heuer sein 60-jähriges Bestehen. Und noch heute ist es Treffpunkt für jene Ungarn, die hier geblieben sind und eine neue Heimat gefunden haben. Zudem sind in der Richard-Wagner-Straße 3 fünf ungarische Vereine untergebracht, u. a. der Vusai und die „Innsbrucker Ungarische Pfadfindergruppe“.