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Fotografie vom nächtlichen Innpark. Hier übernachtete in der Neujahrsnacht vor 100 Jahren ein - wie es so schön heißt – angeheiterter Herr.
Fotografie vom nächtlichen Innpark. Hier übernachtete in der Neujahrsnacht vor 100 Jahren ein - wie es so schön heißt – angeheiterter Herr.

Innsbruck vor 100 Jahren - Jänner 1918

Aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck von Maximilian Vonach

02. Jänner 1918
Erwischt. Vor einiger Zeit berichteten wir darüber, daß von den neuen Meraner Anhängewägen der Straßenbahn die Aufzugsriemen an den Fenstern gestohlen worden sind, zweifelsohne um zu Stiefelsohlen verwendet zu werden. Neulich ist ein Mann dabei erwischt worden, als er auf der Linie 2 der Straßenbahn in einem Haller-Wagen das gleiche Experiment gemacht hatte. Es war ein älterer Mann, ein Tagelöhner aus Hötting, der sich während der Fahrt den ungefähr dreiviertel Meter langen Riemen vom Fenster abschnitt und in die Taschen steckte. Ein Fahrgast hatte dies aber bemerkt, das Übrige besorgte dann das Fahrpersonal. Gegen den Tagelöhner wurde die Anzeige erstattet.

03. Jänner 1918
Ein Schläfchen bei 15 Grad Kälte. Am Neujahrstag wurde nachts gegen 12 Uhr von Passanten auf einer Bank im Innparke ein Mann schlafend angetroffen. Er hatte sich in angeheitertem Zustande niedergelassen und war eingeschlafen. Die 15 Grad Kälte machten ihm vorerst keine Beschwerden. Aber sie hätten ihm doch recht gefährlich werden können.

Die Kranebitter Filiale der Tiroler Arbeiterbäckerei, wahrscheinlich eine Gemischtwarenhandlung für die Arbeiter der Mittenwaldbahn.
Die Kranebitter Filiale der Tiroler Arbeiterbäckerei, wahrscheinlich eine Gemischtwarenhandlung für die Arbeiter der Mittenwaldbahn.

04. Jänner 1918
Aufreizende Redensarten. Aus Hötting schreibt man uns: Manche Leute, denen es heute gut geht, scheinen ihre Mitmenschen mit Gewalt und durch bösartige Redensarten aufreizen zu wollen. Man beurteile einmal ganz objektiv folgenden Vorfall, der sich letzter Tage bei der Filiale der Arbeiterbäckerei zugetragen hat. Dort standen in der üblichen Weise Leute um Brot an, während der Abgabe desselben verursachte aber die Abfertigung einer Karnerin in der Kirchgasse ziemliche Störungen, so daß sich die Anstehenden Bemerkungen des Inhalts machten, man möge das Brot für diese Verkäuferin ein anderesmal oder an einer anderen Stelle aus dem Geschäfte befördern, damit es kein Hindernis bilde. Dies scheint die Geschäftsinhaberin aus der Kirchgasse stark aufgebracht zu haben, denn sie tat Aeußerungen, welche einer Geschäftsfrau denkbar übel anstehen. Die Frau rief gereizt gegen die Anstehenden: „Jetzt sein miar die Herren, jetzt müaßts ös toan, was miar wölln, jetzt müaßts zu uns bitten kemmen!“ Dabei kniete die Person nieder und ahmte mit aufgehobenen Händen Bittende nach. Solche Besinnung von Geschäftsleuten ist doch empörend.

08. Jänner 1918
In einer Klosettschale erstickt. Ein Unglücksfall von außergewöhnlicher Seltenheit und Tragik ereignete sich gestern abends in der Wohnung eines Staatsbahnbeamten am Klaudiaplatze. Dort war der Installationsarbeiter Josef A. damit beschäftigt, mit Hilfe eines durch Kohlen erhitzten, zu solchen Zwecken konstruierten Ofens das eingefrorene Klosett aufzutauen. Fenster und Türe des Aborts waren verschlossen. Der Mann hatte seine Arbeit ungefähr um 6 Uhr abends begonnen und um halb 8 Uhr fand ihn das Dienstmädchen regungslos im Aborte liegen, den Kopf in der durch die Verstopfung mit Wasser angefüllten Klosettschale. Die erste Hilfe leistete ein Besuch, dann wurde ein in der Nähe wohnender Militärarzt verständigt, dieser stellte auch Wiederbelebungsversuche an, die aber erfolglos blieben. Josef A. war bereits tot. Das Unglück hat sich unzweifelhaft auf folgende Weise zugetragen: A. war in dem geschlossenen kleinen Raume durch die aus dem Ofen ausströmenden Gase bewußtlos geworden und fiel unglücklicherweise bei der Arbeit an der Klosettschale mit dem Kopfe in diese hinein. Er war im Wasser der Schale erstickt. Die Leiche wurde nach der Totenbeschau durch den Amtsarzt Dr. Tschamler auf die Abteilung für gerichtliche Medizin gebracht.

Nicht nur auf der Villerstraße kam es im Winter zu Rodelunfällen – auch die Abfahrt auf dem schneebedeckten Iglerweg konnte zur gefährlichen Rutschpartie (im wahrsten Sinne des Wortes) werden.
Nicht nur auf der Villerstraße kam es im Winter zu Rodelunfällen – auch die Abfahrt auf dem schneebedeckten Iglerweg konnte zur gefährlichen Rutschpartie (im wahrsten Sinne des Wortes) werden.

09. Jänner 1918
Ein Flegel. Der Wagenlenker des von Innsbruck nach Igls verkehrenden Postschlittens, ein ungefähr 16jähriger Bursche, hat sich letzter Tage in rüpelhafter Weise gegen jugendliche Rodler und andere Passanten auf der Villerstraße benommen. Der Bursche ging neben dem Postschlitten einher und versetzte den vorüberfahrenden Rodlern entweder Stöße mit der Faust oder mit dem Fuße; ein junger Student geriet auf diese Wiese in Lebensgefahr, da er von dem Flegel bis an den Rand der steil gegen die Sillschlucht abfallenden Straße hinausgestoßen wurde. Da sich in diesem Falle eine strafbare Handlung ergibt, möge sich der junge, gefährdet gewesene Student beim Polizeiamte Innsbruck zur Erhebung des Sachverhaltes melden, da gegen den rohen Burschen eingeschritten werden wird. Als sich der junge Rodler gegen den Flegel wandte, drohte dieser mit der Peitsche; die Intervention eines Offiziers, der Zeuge dieser ungehörigen und strafbaren Handlungsweise war, verhinderte Weiteres. Auf die Vorwürfe des Offiziers erwiderte der Lausbub mit Grobheiten.

12. Jänner 1918
Soldatenhumor. Ein Soldat schrieb an seinen Vater aus dem Felde nachstehenden Brief: Lieber Vater! Ich schreibe am Montag diesen Brief, werde ihn am Dienstag auf die Post tragen, damit er am Mittwoch in deine Hände kommt; du sollst mir am Donnerstag Geld schicken, damit ichs am Freitag bekomme, sonst bin ich gezwungen am Samstag meine Uhr zu versetzen, denn ich will am Sonntag ins Gasthaus gehen.

17. Jänner 1918
Noch nie dagewesen! Ein Hilfsarbeiter beging die Unvorsichtigkeit, den ihm anvertrauten Handwagen während der Nacht im Freien, an der Ostseite des Museums, gegenüber dem Musikvereinshause, stehen zu lassen. Man solls nicht glauben, der Wagen stand am nächsten Morgen nicht nur ganz unversehrt am nämlichen Platze, noch viel mehr, er war mit einem vollen Bierfaß beladen. Das ist ein ganzes Wunder, nicht gestohlen, sondern noch was dazugegeben! Noch nie dagewesen! Aber die Geschichte schaut nur so harmlos aus, sie ist es aber nicht. Das Bierfaß war gestohlen, der Wagen aber sollte dazu benützt werden, um den Trank zu verschleppen. Dies scheint vereitelt worden zu sein. Das Fäßchen (Inhalt 21 Liter) ist Eigentum der Brauerei Deffner in Götzis. Es kann bei der Polizei (Hauptwachzimmer) abgeholt werden.

So friedlich beschäftigt wie auf dieser Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert waren die Hunde der Pradlerstraße im Jänner 1918 wohl nicht.
So friedlich beschäftigt wie auf dieser Postkarte aus dem frühen 20. Jahrhundert waren die Hunde der Pradlerstraße im Jänner 1918 wohl nicht.

21. Jänner 1918
Hundekonzert. Man schreibt uns: Jeden Morgen nach 5 Uhr genießen die Bewohner in den ersten Häusern der Pradlerstraße ein oft mehr als stundenlanges, erbärmliches Gekläff von scheinbar herrenlosen oder jeder Aufsicht und entsprechender Versorgung entbehrenden Kötern. Da sich schon die betreffenden Hundebesitzer nicht um dieselben kümmern, wird der städt. Waffenmeister eingeladen, diesem Gekläff ehestens ein Ende zu bereiten.

Beim städtischen Milchverkauf (hier Liebeneggstraße 2) kam es nicht nur zu langen Wartezeiten; die Geschichte vom 25. Jänner zeigt, wie die angespannte Stimmung in der Warteschlange schnell in Gewalt umschlagen konnte.
Beim städtischen Milchverkauf (hier Liebeneggstraße 2) kam es nicht nur zu langen Wartezeiten; die Geschichte vom 25. Jänner zeigt, wie die angespannte Stimmung in der Warteschlange schnell in Gewalt umschlagen konnte.

25. Jänner 1918
Roheit. Wie die heutige Jugend verroht ist, zeigt wieder ein Vorfall, welcher sich gestern abends in St. Nikolaus beim Milchanstehen zutrug. Ein Knabe schlug einer Frau aus geringfügiger Ursache seine Milchkanne in das Gesicht, so daß die Frau stark blutete; ein Wachmann nahm sich der Verletzten an. Eine tüchtige Tracht Prügel würde dem rohen Bengel gewiß gut tun.

Hat die „Furie“, von der am 27. Jänner berichtet wird, hier zugeschlagen? Das Gasthaus „zum Stiegele“ in Wilten. Bis zum Bau der Konzertkurve in den 1950er Jahren befand sich dort ein Wirtshaus, dessen Ausschankerlaubnis bis ins 16. Jahrhundert zurückreichte.
Hat die „Furie“, von der am 27. Jänner berichtet wird, hier zugeschlagen? Das Gasthaus „zum Stiegele“ in Wilten. Bis zum Bau der Konzertkurve in den 1950er Jahren befand sich dort ein Wirtshaus, dessen Ausschankerlaubnis bis ins 16. Jahrhundert zurückreichte.

27. Jänner 1918
Eine Furie. Ein Frauenzimmer, in Maurach am Achensee geboren, Kellnerin von Beruf, wollte in einem Gasthause in Wilten noch unter allen Umständen nach der Sperrstunde einen Schlaftrunk zu sich nehmen, obwohl sie ohnehin schon ziemlich angeheitert war. Der Wein wurde ihr mit dem Hinweise über die vorgeschrittene Zeit verweigert. Dies brachte die Alkoholikerin außer Rand und Band, in einem Anfalle von Wut griff sie zu einer Kracherlflasche und schleuderte diese auf die Wirtin, glücklicherweise ohne sie zu treffen. Es gelang schließlich das tobende Frauenzimmer auf die betrunkenen und randalierenden Gästen gegenüber nicht mehr ungewöhnliche Weise aus dem Lokale zu bringen, aber erst als sie noch zwei Fensterscheiben in der Eingangstüre in Trümmer geschlagen hatte, war das Weibsbild befriedigt und gewillt heimzugehen. Die Person hat überdies auch den Stadtverweis.

31. Jänner 1918
Boshafte Beschädigung. Vor einigen Tagen wurden in der Steinbruchstraße in Hötting über Nacht alle Gaslaternen ausgelöscht und die Glasscheiben eingeworfen. Wie nun durch die Polizei in Hötting festgestellt werden konnte, haben diese boshafte Beschädigung mehrere junge Burschen aus Innsbruck, die sich auf dem Heimwege vom Gramartboden befanden, ausgeführt. Es ist der Wache auch gelungen, zwei Burschen aus dieser Gesellschaft ausfindig zu machen. Die Gemeinde Hötting erleidet hierdurch einen Schaden von mehr als 50 Kronen.