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Müllerstraße aus der Sicht des Betrachters nach Osten
Müllerstraße aus der Sicht des Betrachters nach Osten

Innsbruck vor 100 Jahren - Juli 1917

aus dem Stadtarchiv/Stadtmuseum von Matthias Kapeller

03. Juli 1917
Niederschläge. Seit gestern herrscht Neigung zu Niederschlägen und mit einem kräftigen Gewitter setzten diese gestern abends ein. Es war ein Strichregen absonderlicher Art, der sich auf die Teile im Westen und Südwesten der Stadt erstreckte. Im Stadtteile Wilten beispielsweise goß es in Strömen, während die Museumstraße und der Stadtteil östlich dieser ganz trocken blieb. […] 

04. Juli 1917
Sie haben uns im Sack. Ein Brixner Landsturmmann hat von der Südfront aus einem italienischen Schützengraben ein Taschentuch mit Abbildungen mitgebracht. Dasselbe beweist, wie praktisch und einfach dem italienischen Volke Erdkunde und Begeisterung für den Raubkrieg beigebracht wird. Das Taschentuch zeigt in ganz feinen Ausführungen das Landes-, Stadt- und Gemeindewappen von Istrien und Dalmatien, Trient und Triest, von Görz, Rovereto, Ala, Riva und Arco. - Auf diese Art freilich haben die Italiener die von ihnen so sehr begehrten Städte schon „im Sack“.

05. Juli 1917
Geduldsproben. Gestern bekam man Eier ohne Karte, zwei Schuß, acht Stück im Ganzen, und um diese Kleinigkeit waren die Frauen gezwungen, ungebührlich gezwungen, stundenlang anzustehen, denn der unheilvolle Zopf erlaubte es nicht, daß diese hier im Inneren der Stadt etwa an mehreren Stellen ausgegeben werden durften, sondern an einer einzigen, bei Fürbaß in der Seilergasse. […]

07. Juli 1917
Heitere Abende. Komiker Laß und die Salonkapelle „Lyra“ gastieren jeden Mittwoch, Samstag, Sonntag und Feiertag im Apollosaale, dem bekannten, dem Frohsinn gewidmeten Raum. Das Programm bringt dem Besucher Köstliches an Witz, an humorvollen Szenen, aktueller Komik mit gesanglicher und musikalischer Darbietung. […]

Ferrari-Palais: Fassade mit Eingang
Ferrari-Palais: Fassade mit Eingang

09. Juli 1917
Vom Tode des Ertrinkens gerettet. Am Samstag nachmittags machten sich in der Fabriksallee am Kanale zwei kleine Knirpse im Alter von 5 und 6 Jahren zu schaffen. Plötzlich fiel der kleinere der Knaben lautlos in den gegenwärtig sehr tief mit murigem Wasser gefüllten Kanal. Der Junge sank bereits, als kurz entschlossen sich der größere seiner Kleider entledigte und seinem Kameraden zur Hilfe kam; es gelang ihm auch, denselben über Wasser zu halten. […] Ein wackerer Retter im Vereine mit mehreren Soldaten aus dem gräfl. Ferrarischen Palais brachte dann die beiden gefährdeten Kinder in Sicherheit.

10. Juli 1917
Beschwerde. Eine Partei in Hötting ersucht uns um die Feststellung der Tatsache, daß die Portionen, welche bei der Kriegsküche in Mariahilf ausgegeben worden sind, nicht der Bestimmung als Mittagessen und auch nicht dem Preise von 50 Hellern entsprechen. Man bekam dort beispielsweise vier Stück Kartoffel in einer Gollasch-Tunke ohne ein Stückchen Fleisch. 

11. Juli 1917
Unfall. In der Müllerstraße ist gestern nachmittags ein junges Fräulein infolge Überanstrengung und Unterernährung ohnmächtig zusammengesunken. Die Rettungsabteilung schaffte sie in ihre Wohnung.

Alte Ansicht der Maximilianstraße mit dem Hauptpostamt
Alte Ansicht der Maximilianstraße mit dem Hauptpostamt

12. Juli 1917
Schuld und Sühne. Im Parteienraum des Innsbrucker Hauptpostamtes hat sich gestern abends ungefähr um 7 Uhr eine Szene zugetragen, aus der sich manche Lehre ziehen läßt. Ein Bursche im Alter von 14 Jahren, für die Gerichtsbarkeit noch unerreichbar, machte einen Griff in den Schalter für Warenprobensendungen und entnahm daraus ein Paket, enthaltend Weinproben einer Weinhandlungsfirma. Der verwegene Streich des Jungen blieb aber nicht unentdeckt und fand auch an Ort und Stelle Sühne. Ein Gerichtsbeamter stellte den Jungen zur Rede, nahm ihm das gestohlene Paket aus der Innenseite der Ueberkleidung und sprach über ihn auch gleich das Urteil: zwei kräftige Ohrfeigen. Vielleicht zieht auch die Postdirektion aus diesem ohne besondere Schwierigkeiten ausgeführten Diebstahl ihre Schlüsse. 

16. Juli 1917
Das Vorleben der Lehrer und Lehrerinnen. Anläßlich eines besonderen Falles hat das Unterrichtsministerium in einem kürzlich ergangenen Erlasse die Schulbehörden angewiesen, bei provisorischen Besetzungen von Lehrstellen an Volksschulen vor Ausfertigung des Dekretes eine genaue Erhebung über das sittliche Vorleben des in Betracht gezogenen Bewerbers zu pflegen, damit Bewerber, die in dieser Hinsicht nicht vollständig einwandfrei erscheinen, vom Lehramte unbedingt ferngehalten werden. […]

18. Juli 1917
Vierbeinige Räuber. Einer Partei in der Saggengasse hier kamen in letzter Zeit mehrere Stück junge Hühner abhanden. Zuerst bestand der Verdacht, ein zweifüßiger Hühnerliebhaber statte dann und wann dem Stalle einen Besuch ab, um sich einen auserlesenen Braten zu verschaffen. Strengere Beaufsichtigung des Hühnervolkes aber förderte den Beweis zutage, daß der Würger ein Wiesel war, das sich Beute holte. Auf einem Raubzuge zum Stalle schlug dann seine letzte Stunde.

Südfassaden der Hofgasse, im Vordergrund das Gasthaus Burgriese
Südfassaden der Hofgasse, im Vordergrund das Gasthaus Burgriese

26. Juli 1917
Beflaggung anläßlich der Siege in Galizien. Anläßlich der Besetzung von Stanislau durch unsere Truppen hat das Ministerium des Inneren eine dreitägige mit 25. ds. beginnende Beflaggung der Amtsgebäude angeordnet. Das Rathaus und zahlreiche andere Gebäude in Innsbruck tragen bereits Flaggenschmuck. 

28. Juli 1917
Ein guter Magen kann alles vertragen. Zwei Männer haben gestern vormittags auf dem Marktplatze hier ein kräftiges, kompaktes Frühstück eingenommen. Sie erwarben sich einen halben Kilo Kuttelfleck, schnitten sie in Stücke und verzehrten die vielbegehrte, in dieser Form aber nicht jedermann zuträgliche Speise kalt und ohne Brot an Ort und Stelle.

30. Juli 1917
Über die Herkunft des Innsbrucker Burgriesen. Dieses uralte Steinbild in der Hofgasse erhielt nach Althams Bericht […] seine Aufstellung unter Kaiser Maximilian I. Der Chronist schreibt hierüber: „Dieses Standbild befand sich zuvor im alten Kloster Reichenau unter Konstanz, es stellt, wie damals bekannt, den Alman, genannt auch „Altmann“, „Ert“ od. „Herkules“, der Teutschen vor, welchen Abgott die alten Deutschen in Kriegen mit Gesang verehrt haben, wie Cornelius Tacitus schreibt. Kaiser Maximilian übernahm dieses Steinbild und ließ es nach Innsbruck bringen.“