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"Gemeiner Wacholder" ist Baum des Jahres 2017

Namensgeber des Stadtteiles Kranebitten

Der Baum des Jahres 2017 ist der "Gemeine Wacholder" (Juniperus communis). Feuerbaum, Machandelbaum, Kranawetten, Kranewitt, Räucherstrauch, Reckholder oder Krammetsbaum sind nur wenige der rund 300 Namen, unter denen der Wacholder bekannt ist. Das althochdeutsche "chrana-witu" könnte sich aus gruoi = grün und witu = Holz zusammensetzen. Etliche alte Tiroler Ortsnamen weisen auf die Verbreitung des Wacholders hin, wie in den Tiroler Heimatblättern zu lesen ist [Tiroler Heimatblätter, Jg. 17 (1939), S. 151-155]:

"Der Wacholder in der Tiroler Namensgebung. Das dichte, stacheliche Gestrüpp des Wacholders (Juniperus communis), jener wärme- und trockenheitliebenden Pflanze unserer Heimat, bildet in den ihr zusagenden Lagen so ansehnliche Bestände, daß viele Orts- und Flurnamen von ihrem Vorkommen abgeleitet sind. Oft haften diese an kalkreichen Schuttkegeln, die, von Bergbächen beim Austritt ins Haupttal vorgebaut, bevorzugte Standorte der Pflanze sind, z.B. an dem mächtigen Kalkschuttfäscher, die die Ulfiswiese westlich Innsbrucks abschließt und der dortigen kleinen Ortschaft Kranebitten gab. 1402 ist in einer Wiltener Urkunde die Rede von einem "gut zu Harde gelegen ze Platten in dem Kremittach", noch viel älter beurkundet ist aber z.B. jenes Kranewitten, das sich von Brixen a. E. über sonnige, heute mit Wein bestockte Hänge gegen Elvas hinaufzieht. Schon 1185 ist es Chranuwit genannt, später, von 1347-1357, als Sammelbegriff "Chranewitach, Chränbittach", "in dem Kränäbitach", also ganz wie das obige Kr. (ä, e als helles a zu lesen), mit der altdeutschen Endung -ach, die eine Menge, einen Pflanzenbestand bezeichnete (vgl. Mader, Schlernschr. 22). Während hierzulande das Wort mit hellem a gesprochen wird, als kchranewit (Umlaut, bewirkt durch das i), erscheint es außerhalb der Alpen, in Oberbayern, mit dumpfem a (o), ma. kr´wet, z.B. im Ortsnamen Kronwied (bei Aibling), als wunderlich verballhornter Sippenname in Bayern Kronenbitter neben dem tirolerischen Kranewitter. Der gänzlich auf das bairisch-österreichische Stammesgebiet beschränkte Pflanzenname chranawitu (ahd.), für den man im Schwäbischen und Fränkischen "Wacholder, Reckholder", im Niederdeutschen "Machandelbaum" (Machangelboom) gebraucht, wird von Friedrich Kluge aus den althochdeutschen Wörtern chrano = "Kranich" und witu = Holz abgeleitet, es erscheint aber fraglich, ob der unser Stammesgebiet nur als Zugvogel passierende Kranich, der als Niederungsvogel hier unbekannt ist, wirklich diesem Namen Pate stand, auch das Grimmsche Wörterbuch stellt solche Beziehung des Vogels zu dem Strauch in Frage. Die Standorte der Pflanze und die des Vogels dürften sich eher ausschließen. - Außerdem muß es für die Bezeichnung des Strauches noch ein kürzeres Wort gegeben haben. [...]"

Der Weltenbürger unter den Nadelbäumen

Der Gemeine Wacholder umfasst - vorwiegend auf der Nordhalbkugel - weltweit ca. 70 Arten, von denen in Mitteleuropa nur 2 Arten in freier Natur vorkommen. Wenn wir vom "Baum des Jahres" sprechen, ist damit die hochwüchsige Unterart des Echten Wacholders gemeint. Er ist in Tirol weit verbreitet. Daneben kommt in unseren Gebirgen noch der Zwerg-Wacholder vor. Er ist an den kürzeren, bogig aufwärts gekrümmten Nadeln zu erkennen. Die Höhengrenze zwischen den beiden Arten liegt ungefähr bei 1.600 Metern Seehöhe. Außerdem gibt es in den trockenen Innenalpen und an warmen Felsstandorten noch den Stink-Wacholder. Er ist in Tirol eine geschützte Art.
Der Gemeine Wacholder wächst meist als säulenförmiger Strauch (bis 5 Meter hoch). Richtige Bäume mit einem geraden Stamm sind sehr selten und werden bis zu 15 Metern hoch. Solche stattlichen Wacholderbäume sind beispielsweise in den geschützten Kiefern-Trockenauen von Weißenbach am Lech am Ausgang des Schwarzwassertals zu bewundern. In Osttirol ist der "Wacholderhain Lavant" als flächiges Naturdenkmal ausgewiesen.
In unseren Wäldern wird der Wacholder meist als "Weidezeiger" gedeutet, weil er aufgrund seiner dichten, stechenden Benadelung vom Weidevieh gemieden wird. 
Der Wacholder steht in enger Verwandschaft mit der Mittelmeerzypresse und ist als "Zypresse des Nordens" das am meisten verbreitete Nadelholz der Welt. In seine Verwandschaft gehören weiters neben den Scheinzypressen und Thujen auch die Sumpfzypressen mit ihrem mächtigen Vertreter, dem Riesen-Mammutbaum.

Anspruchsloser Felsenkletterer

Der Wacholder ist eine immergrüne, anspruchslose und sehr anpassungsfähige Pflanze. Er liebt trockene und sonnige Standorte udn wagt sich mit seinem tiefgreifenden Wurzelsystem als Apen-Wacholder in Höhenlagen bis über 2.500 Metern hinauf. Meistens ist der Gemeine Wacholder in lichten Kiefernwäldern, an felsigen Hängen und auf trockenem Gesteinsschutt zu finden. Auch auf nährstoffarmen Moorböden und in Pfeifengraswiesen ist er nicht selten.
Die Entwicklung der kugeligen Beeren zieht sich über drei Jahre hin und somit finden sich stets unreife (grüne) und reife (schwarzblaue) Früchte zugleich an den Ästen. Die „Wacholderbeeren“ sind eigentlich Beerenzapfen aus fleischigen und verwachsenen Samenschuppen. Die Blätter des Wacholders sind stachelspitze, schmale Nadeln, die immer zu dritt in Quirlen um den Ast stehen. Wacholder können sehr alt werden, es sind 2000 Jahre alte Exemplare bekannt!
Für verschiedene Landschaftsbilder und für den Naturschutz ist der Wacholder von großer Bedeutung. Viele Lebewesen finden in und um diesen charakteristischen Strauch oder Baum ihren idealen Lebensraum. Eine Untersuchung ergab, dass 18 verschiedene Säugetiere, über 40 Vogel- sowie 20 Insektenarten seine Umgebung bevorzugen. Namentlich sind dies Wacholderprachtkäfer, Wacholderminiermotte und Wacholderborkenkäfer sowie die Wacholderdrossel. Letztere trägt zudem zur Verbreitung dieser immergrünen Pflanze bei. Die Wacholderdrossel („Krametsvogel“) hält sich gerne in lichten Wäldern, Obstgärten und Parkanlagen auf. Sie frisst aber nicht nur Wacholderbeeren, sondern v.a. Vogelbeeren und Insekten, Würmer u.a. kleine Weichtiere.
Im europäischen Natura 2000-Schutzgebietsnetzwerk ist beispielsweise der Lebensraumtyp „Formationen des Gemeinen Wacholders Juniperus communis auf Kalkheiden und –rasen“ ausgewiesen.

„Eichenlaub und Kranewitt, dös mag der Teufl nit.“

Der Wacholder ist ein sehr vielseitig einsetzbares Gehölz. Er findet seine Verwendung in Brauchtum, Volksglaube, Medizin, Küche und als Schnitzholz. Schon unsere Ahnen schätzten den Wacholder gleich dem Holunder als Heilholz und haben ihn gerne als Schutz- und Wächterstrauch rund um das Haus angepflanzt. In alten Volksweisheiten ist dies erhalten geblieben: „Vor´m Kranewitt geh in die Knie, vor´m Holunder deinen Hut zieh´!“ oder „Eichenlaub und Kranewitt, dös mag der Teufl nit.“
Einer der wohl ältesten Nachweise zum Gebrauch von Wacholderbeeren geht auf die alten Ägypter zurück, welche zum Einbalsamieren ihrer Leichen als Füllmaterial, nebst Sägespänen von Koniferen und Pfeffer, auch Wacholderbeeren verwendeten. In der Heilkunde fanden und finden praktisch alle Bestandteile des Wacholders eine umfangreiche Verwendung für viele verschiedenartige Körperleiden und Beschwerden. So verspricht sich Mann/Frau Linderung bei Rheuma, Gicht, Arthrose, Magen- und Darmstörungen, Galle- und Leberleiden, Hautkrankheiten, Bronchitis und Asthma, Kopfschmerzen, unreinem Blut, Zuckerkrankheit und vielem mehr. Allerdings gilt zu beachten, dass bei der Anwendung von Wacholderprodukten die Nierentätigkeit angeregt wird sowie auf die Haut allenfalls ein mehr oder weniger starker Reiz ausgeübt werden kann. Deshalb empfiehlt sich eine Rücksprache mit dem Arzt. Schwangere sollten Wacholderprodukte generell meiden. Der in allen Pflanzenteilen stark giftige Stink-Wacholder wurde früher in der Volksmedizin als Abortivum (Substanz, mit der ein Schwangerschaftsabbruch ausgelöst werden kann) genutzt.
Die heutzutage arzneilich verwendeten Pflanzenteile beschränken sich auf die aromatisch würzigen und süß-bitteren Früchte und die daraus gewonnenen ätherischen Öle.
Als Genussmittel muss natürlich der Wacholderschnaps erwähnt werden, der je nach Gegend verschieden benannt wird: Kranewitter (Österreich), Steinhäger (Deutschland), Genever (Holland), Gin (England) oder Borowitschka (Slawische Staaten).
In der alten Küche gehörte Wacholderrauch aus Holz und Zweigen zum Schinken, wie der Hopfen zum Bier. Sauerkraut ohne Wacholderbeeren eingelegt ist schlicht ein Unding und Wildbret oder Lamm-, Ziegen- und Pferdefleisch ohne gequetsche Wacholderbeeren zubereiten oder sie nicht zum Spicken zu nehmen, das gab und gibt es einfach nicht. Wenn Matthiolus in seinem "Kreutterbuch" (1563) schreibt: "die alten Hexen udn Wettermacherin üben damit viel Zauberay und Abenthewehr", so ist das wohl nur historisch interessant. Wie das Pestbuch des Ulmer Arztes Steinhöwl (1473) "... ein Feuer aus Wacholder würde die Luft reinigen und von ihrer Fäule befreien duch die Wärme" meint.
Beim Selchen von Gepökeltem können sowohl Wacholderzweige als auch -späne, die beim Drechseln anfallen, zum Einsatz kommen. Das Holz des Wacholders ist weich und elastisch, besitzt aber eine enorme Festigkeit, weshalb es zur Herstellung von Bögen, Pfeifen und knorrigen Spazierstöcken verwendet wird. Im „Märchen vom Machandelbaum“ kommt der Wacholder sogar bei den Gebrüdern Grimm vor. 

Große schutzmagische Kraft

Beeren und Zweige enthalten ätherische Öle, die reinigend und desinfizierend wirken. Der Wacholder mit seiner großen schutzmagischen Kraft zählt zu einer der ältesten Räucherpflanzen und kommt beim Räuchern als holziger und frischer Duft zum Einsatz. Zum Räuchern kann man das Holz, die Nadeln und die Beeren nehmen. Man sagt, dass der Wacholder als Tor zur unsichtbaren Welt dient und uns mit Naturwesen und unseren Ahnen in Kontakt bringt. Dem Wacholderrauch soll aber eine belebende Wirkung durch die Dämpfe aus verbrennenden Holz und Zweigen nicht abzusprechen sein. Das rituelle Reinigen von Schlaf- und Wohnräumen, das Reinigen von Feld und Weide mit Wacholderzweigen - Feuern war üblich, wie der Brauch durch Berühren mit dem immergrünen Wacholderzweig Gesundheit zu wünschen.

(Quelle: Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Bundesverband e.V.; waldaufseher.org; Stadtarchiv Innsbruck)