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Folge der Industrialisierung war, dass Städte wie Innsbruck auch einwohnermäßig stärker wuchsen (im Bild: Innsbruck gegen Norden, um 1905).
Folge der Industrialisierung war, dass Städte wie Innsbruck auch einwohnermäßig stärker wuchsen (im Bild: Innsbruck gegen Norden, um 1905).

Das Recht auf Heimat festgeschrieben

Mit dem Heimatrecht wurde im 19. Jahrhundert die Basis für die Staatsbürgerschaft gelegt. Städte und Landgemeinden standen den neuen gesetzlichen Regelungen anfangs skeptisch gegenüber.

Der Fall der Witwe Bichl beschäftigte die Gerichte. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1900 hatte sie vergeblich um die Aufnahme in den Heimatverband von Wilten ersucht. Die Entscheidungsträger waren der Ansicht, dass das „Ersitzungsrecht“ einer Witwe erst mit dem Todestag des Mannes beginne und die Zeit, die sie mit ihm bereits in der Gemeinde gewohnt hatte, nicht zähle.
Über drei Instanzen ging die juristische Auseinandersetzung, jedes Mal gab das Gericht der Witwe recht. Einer der Gründe, warum sich Wilten so lange wehrte: Mit dem Heimatrecht stand der Frau auch die Versorgung durch die Gemeinde zu, da sie sich nach dem Ableben ihres Mannes nicht selbst erhalten konnte. Hätte das Gericht Wilten recht gegeben, wäre die Herkunftsgemeinde des verstorbenen Ehemanns, nämlich Kufstein, unterhaltspflichtig gewesen.
Das im 19. Jahrhundert erstmals gesetzlich verankerte Heimatrecht sicherte österreichischen Staatsbürgern neben dem permanenten Aufenthalt auch die Armenversorgung in einer Gemeinde. Prosperierende Gemeinden wie Wilten (1904 in Innsbruck eingemeindet) und Städte wie Innsbruck sahen das Gesetz anfangs kritisch.

Einführung des Heimatrechtes

Der Begriff selbst geht aus der „Bettlerschub- und Verpflegungsordnung“ hervor, die Mitte des 18. Jahrhunderts erlassen wurde. Eingeführt wurde das „Heimatrecht“ allerdings erst 1849. Ab da waren Gemeinden verpflichtet, ein Verzeichnis ihrer Einwohner zu führen, wobei das Heimatrecht nur österreichische Staatsbürger erwerben konnten. 1863 legte ein eigenes Heimatrechtsgesetz schließlich fest, dass jeder österreichische Staatsbürger in einer Gemeinde beheimatet sein muss. Ziel war, keine heimatlosen Staatsbürger mehr zu haben.
War bis dahin Heimatrecht an Vererbung gebunden, an die Ausübung eines öffentlichen Amtes oder den Beschluss der jeweiligen Gemeinde, gegen den es keinen Einspruch gab, so sollte nun jeder österreichische Staatsbürger das Heimatrecht in einer Gemeinde erhalten, wenn er nachweisen konnte (oder die bisherige Zuständigkeitsgemeinde es verlangte), dass er eine gewisse Zeit in dieser Gemeinde lebte. Gerade für Zuzügler und nicht mit dem Bürgerrecht versehene Menschen erhöhte das die Chancen enorm.

Die Angaben in den Heimatrollen halfen nach dem Zweiten Weltkrieg, die österreichische Staatsbürgerschaft nachzuweisen.
Die Angaben in den Heimatrollen halfen nach dem Zweiten Weltkrieg, die österreichische Staatsbürgerschaft nachzuweisen.

Entscheidende zehn Jahre

Die Heimatrechtsnovelle 1896 unterstrich diesen Aspekt noch einmal: Eine Gemeinde musste das Heimatrecht zugestehen, sobald jemand durchgängig zehn Jahre in der Gemeinde sesshaft war. Was bei der eingangs erwähnten Witwe Bichl der Fall gewesen ist. Den politisch Verantwortlichen ging es nicht zuletzt darum, die „Souveränität“ der Städte einzuschränken, wie der Tiroler Abgeordnete Vinzenz Gasser im Oktober 1896 in der Abgeordnetenkammer ausführte: Diese verstünden es nämlich, „sich wohl die Vortheile der zugewanderten Bevölkerung zu erfreuen, aber alle damit verbundenen Nachtheile sich vom Leibe zu halten“. In Not Geratenen sollte jene Gemeinde helfen, in der diese ihren Lebensmittelpunkt hatten.
Gerade wirtschaftlich starke Gemeinden und Städte waren von Zuwanderung betroffen. Zum einen brachte die Industrialisierung neue Arbeitsplätze und förderte damit Zuwanderung aus den ländlichen Regionen, zum anderen sorgten Verkehrsmittel wie die Bahn für höhere Mobilität in der Bevölkerung. Umgekehrt sank die Zahl jener, die bereit waren, in der Landwirtschaft tätig zu sein.
Wie wichtig das Thema für Ballungszentren wie Innsbruck war, zeigt allein die Tatsache, dass die „Innsbrucker Nachrichten“ die Rede von Gasser zur Gänze abdruckten. Die Sorge, der Haushalt müsste unter der „Armenlast zusammenbrechen“, wie sie die Stadtväter in ihrer Petition äußerten, erwies sich als unbegründet, da die Arbeitgeber stärker verpflichtet werden sollten, ihren Mitarbeitern unter die Arme zu greifen, wenn diese aufgrund eines Arbeitsunfalls invalide wurden.

Einschränkung des Heimatrechts

In der Zwischenkriegszeit kam es zu weiteren Novellierungen des Heimatrechtsgesetzes. Ab 1928 waren Gemeinden verpflichtet, ein Verzeichnis über ihre Heimatberechtigten zu führen, die sogenannte „Heimatrolle“. Im Jahr darauf folgte eine Verordnung, dass dieses Verzeichnis bis 30. Juni 1930 zu erstellen sei.
„Im Interesse jedes einzelnen Bundesbürgers ist es gelegen, sein Heimatrecht klarzustellen und sich die Sicherheit zu verschaffen, ob er bei seiner Heimatgemeinde verzeichnet ist. Es empfiehlt sich daher, den Heimatgemeinden alle Personaldaten für die Eintragung in die Heimatrolle zur Verfügung zu stellen“, hieß es dazu im „Tiroler Anzeiger“. Neben Personenstandsangaben, Beruf, Wohnort und Abstammung mussten im Verzeichnis eine Begründung des Heimatrechts sowie das Datum des Erwerbs des Heimatrechts enthalten sein. Nicht zuletzt diente die Heimatrolle dazu, die wehrpflichtigen Männer zentral zu erfassen.
Unter den Nationalsozialisten, die Österreich 1938 dem Dritten Reich einverleibten, erfuhr das Heimatrecht zunächst zwei zentrale Einschränkungen: Die Armenversorgung und das Recht auf den Aufenthalt in der Heimatgemeinde wurden gestrichen. Ab 1939 trat das „Heimatrechtsgesetz“ außer Kraft – und wurde auch in der 2. Republik nicht mehr eingeführt. Noch lange Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die bis 1939 geführten Heimatrollen die wichtigste Quelle, um das Heimatrecht nachzuweisen und die Heimatscheine das wichtigste Dokument, um die Anerkennung der österreichischen Staatsbürgerschaft (wieder) zu erlangen.