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Bezugsscheine für den verbilligten Kauf von Kohlen bei verschiedenen Kohlelieferanten während der „Winterhilfe“ 1936/37.
Bezugsscheine für den verbilligten Kauf von Kohlen bei verschiedenen Kohlelieferanten während der „Winterhilfe“ 1936/37.

Sozialpolitik in Innsbruck 1931-1937

„Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot sind die Würgengel“

von Dr.in Sabine Pitscheider (Wissenschaftsbüro Innsbruck e. V.)

Als die Weltwirtschaftskrise Europa und Österreich erreichte und die Arbeitslosigkeit in ungeahnte Höhen stieg, genügte dies nicht mehr. Die Bundesregierung schnürte Sparprogramme und kürzte die Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung so massiv, dass sie damit die Sorge für die Masse der Verarmten der untersten Stufe der öffentlichen Verwaltung aufbürdete, den Gemeinden. 

Hilfe im Winter

Die „sozialen Lasten“ rissen immer größere Löcher in die ohnehin geschmälerten Gemeindebudgets, so dass die öffentliche Hand dazu überging, bei Privaten, Firmen und Institutionen Geld zu sammeln, um die ärgste Not zu lindern. Verwaltet und organisiert von den Gemeinden, finanziert vor allem aus privaten Spenden, entstand die „Winterhilfe“. Für eine aktive Arbeitsmarktpolitik standen zu wenig Mittel zur Verfügung, so dass dieses Mischsystem aus privat und öffentlich bis zum „Anschluss“ im März 1938 die Hauptlast der sozialen Grundversorgung der Bevölkerung trug.
Die Gemeinden sammelten Spenden und verteilten Naturalien – Lebensmittelpakete, Heizmaterial, Milch für Schulkinder, Suppen für die ganze Familie – an genau ausgesuchte Bedürftige mit extrem geringem oder gar keinem Einkommen. Die Gemeinden schotteten sich ab und versuchten, Arme anderer Gemeinden abzuwehren. Wer etwa erst nach einem bestimmten Stichtag nach Innsbruck zuzog, erhielt nichts. Die Stadt wollte verhindern, dass Arbeitslose aus anderen Gemeinden, die nichts oder zu wenig gegen die Not unternahmen, nach Innsbruck flüchteten. Da auch der Bund und das Land Mittel zuschossen, mussten ab dem Frühjahr 1933 alle Bedürftigen versorgt werden und das unwürdige Hin- und Herschieben Armer endete.

Wärme, Tee und Brot

Von Mitte Dezember 1931 bis Mitte März 1932 erhielt etwa eine Familie, die weder Arbeitslosen- noch Notstandsunterstützung bezog und ein monatliches Gesamteinkommen von maximal 35 S hatte, ein Lebensmittelpaket im Wert von 10 S pro Monat. Im Winter darauf betrug der Wert des Lebensmittelpakets nur mehr 5,80 S und sank auf 4,55 S, weil noch mehr Arme versorgt werden mussten. Menschen ohne eigenen Haushalt und damit Küche bekamen Marken für die Volksküche, in der sie sechs Mal wöchentlich eine Mahlzeit erhielten.
Größere Gemeinden wie Innsbruck subventionierten Wärmestuben, die neben Wärme, Tee und Brot boten. Ab dem Winter 1932/33 drang die Politik in diesen Bereich ein: Nach Messerstechereien zwischen Anhängern verfeindeter Parteien – NSDAP und Sozialdemokratie – subventionierte die Stadt pro Partei je eine Wärmestube für Jugendliche, die prinzipiell allen offenstanden, aber bei der aufgeheizten politischen Stimmung nur von den eigenen Parteigängern besucht worden sein dürften. Die ab Mitte Juni 1933 illegale NSDAP nutzte die Not für ihre Propaganda und versprach im Falle ihres Sieges Arbeit und Brot.
Da die Ausgaben die Einnahmen weit überstiegen, versuchte die Stadt mehr Spenden einzuwerben und drängte Gewerbetreibende, mehr zu geben, was angesichts der wirtschaftlich desaströsen Lage eine Illusion war. Ebenso wenig gelang es, die Angestellten von Privatfirmen zu mehr Spenden zu bewegen, da die meisten selbst schon für verarmte oder arbeitslose Familienangehörige aufkommen mussten. Der Stadt ausgeliefert waren die städtischen Angestellten, die notgedrungen und trotz massiver Lohnkürzungen und hoher Krisensteuern einen Teil ihres Einkommens als Spende abzweigen mussten. Firmen, die trotz mehrmaliger Aufforderung keine Spende leisteten, waren den übergeordneten Behörden zu melden. Half der moralische Druck durch Spendenaufrufe nicht, folgte die Drohung, von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen zu werden. Spenden für die „Winterhilfe“ galten als „Werke der Nächstenliebe und Heimattreue“ sowie „staatsbürgerliche Pflicht“.

Schwierige Zeiten

In allen Jahren galt, dass die Stadt die Armen in drei Gruppen einteilte, in Gruppe eins fielen diejenigen, die nichts mehr hatten, in Gruppe zwei Menschen mit Notstandsunterstützung, in Gruppe drei jene mit Arbeitslosengeldbezug und einem Familieneinkommen von maximal 150 S. Auf die Gruppen abgestimmt waren die Zahl der Lebensmittelpakete und Selbstbehalte. Da immer mehr Menschen in die erste Gruppe fielen, senkte die Stadt für die „Winterhilfe“ 1935/36 die Einkommensgrenze von 35 S monatlich auf 25 S und in der dritten Gruppe auf 100 S, für Familien mit mindestens sechs armen Personen betrug die Einkommensgrenze 120 S. In der Praxis bedeutete dies, dass immer weniger Hilfsbedürftige die volle Hilfe erhielten, immer mehr Bedürftige immer höhere Selbstbehalte zu leisten hatten und wegen der geänderten Einkommensgrenzen viele aus der „Winterhilfe“ herausfielen. Trotz dieser Einschränkungen blieb der Prozentsatz der Bevölkerung, die mit dem Notwendigsten zu versorgen war, hoch und lag bis zum „Anschluss“ im März 1938 zwischen 13 und 16 Prozent.