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Viel Arbeit, wenig Geld: Frauenschicksal

Seit mehr als einhundert Jahren kämpfen Frauen um Gleichberechtigung und Gleichstellung. Es hat sich viel getan, doch muss es sich in den Köpfen der Menschen festigen und auch auf dem Lohn- und Gehaltszettel widerspiegeln.

Vor 99 Jahren erlangten die Frauen das Wahlrecht in Österreich. 1948 wurde Zenzi Hölzl die erste österreichische Bürgermeisterin und erst seit knapp 50 Jahren dürfen Frauen – ohne die Zustimmung ihres Vaters oder Mannes – arbeiten. Seit einem halben Jahrhundert hat das weibliche Geschlecht also freie Berufswahl und trotzdem sind mehr als 60 Prozent in schlecht bezahlten Berufszweigen tätig. „Jedes Jahr begehen wir den ‚Equal Pay Day‘, den ‚Gender Pay Gap Day‘ und auch den internationalen Frauentag“, gibt Vizebürgermeisterin und Frauenreferentin Mag.a Sonja Pitscheider einen Auszug zu den Aktivitäten der Stadt Innsbruck. „Durch die Aktionstage alleine wird sich nicht viel ändern, aber sie bringen die Thematik in die breite Öffentlichkeit und die Menschen werden sensibilisiert“, führt sie weiter aus.

Equal Pay Day

Der Equal Pay Day (EPD)– der Aktionstag für Entgeltgleichheit zwischen Frauen und Männern – kennzeichnet rechnerisch den Tag, an dem Männer bereits die Gehaltssumme erreichen, für die Frauen noch bis Jahresende arbeiten müssen. Der Tiroler EPD ist am 03. Oktober, während der Innsbrucker EPD auf den 26. Oktober fällt.

Wichtige Orientierung bei Berufswahl

In den vergangenen 40 Jahren hat es zahlreiche Gesetze zur Gleichstellung gegeben. „Eine Gesetzesänderung bringt nicht automatisch ein gesellschaftliches Umdenken“, kommentiert Pitscheider. Noch immer würden die Menschen in klar geprägten Geschlechterrollen, gerade das Familien- und Berufsleben betreffend, denken. Fast 50 Prozent aller Mädchen wählen einen der drei – dem klassischen Rollenbild entsprechenden – Lehrberufe: Einzelhandel, Bürokauffrau oder Friseurin. Diese sind deutlich schlechter entlohnt als typische Männerberufe. „Den Berufswunsch und eine mögliche Karriereentscheidung fällen wir sehr früh in unserem Leben“, erklärt Vizebürgermeisterin Pitscheider. „Wir müssen unsere Kinder inhaltlich unterstützen und ihnen die nötige Orientierung in der Berufswelt geben. Das muss aber überall geschehen – zu Hause, in der Schule, in den Medien, usw. Gleichzeitig können die traditionellen Rollenbilder aufbrechen und der Horizont unserer jungen Erwachsenen erweitert sich.“

Täglich weniger Freizeit für Frauen

Wie dem Tiroler Gleichstellungsbericht 2017 zu entnehmen ist, leisten Frauen mehr unbezahlte Arbeit in Form von Hausarbeit, Zuwendung zu Kindern, PartnerInnen und anderen Familienangehörigen als Männer. Trotz des hohen Teilzeitanteils von Frauen, arbeiten diese insgesamt täglich um eine halbe Stunde mehr als Männer und haben damit eine halbe Stunde weniger Freizeit, dies 365-mal im Jahr. Besonders nach der Geburt eines Kindes treten die Geschlechterrollen hinsichtlich Kinderbetreuung und Pflege bei Krankheit stark in Erscheinung. „Jede und jeder Einzelne ist gefragt, die gesellschaftliche Akzeptanz etwa von berufstätigen Müttern und Vätern in Karenz zu erhöhen und sie nicht als ‚Rabenmütter‘ oder ‚Weicheier‘ zu bezeichnen“, ergänzt Sonja Pitscheider.

„Klassische Rollenbilder und gesteigerte Anforderungen führen zu überdimensionierten Aufgaben für Frauen, die sich infolge für Teilzeitarbeit entscheiden. Über viele Jahre führt dies zu empfindlichen Einbußen der Pensionshöhe.“

Vizebürgermeisterin Mag.a Sonja Pitscheider

Vizebürgermeisterin Mag.a Sonja Pitscheider

Armutsfalle Teilzeitarbeit

Mehr als jede zweite Frau (52%) reduziert im Laufe ihrer beruflichen Tätigkeit ihre Arbeitszeit. „Die Anforderungen an eine erfolgreiche Frau in der heutigen Zeit sind für einen Großteil einfach nicht schaffbar“, ist Vizebürgermeisterin Pitscheider überzeugt: „Wir müssen den Druck von den Frauen nehmen und solange wir ‚Vereinbarkeit von Familie und Beruf‘ lediglich auf Frauen projizieren, sind wir auf dem falschen Weg.“ Die Entscheidung zur Teilzeitarbeit beeinflusst nicht nur das aktuelle Einkommen, sondern wirkt sich empfindlich auf den Pensionsbezug aus und führt teilweise sogar zu Altersarmut (siehe Grafik). „Viele Frauen bleiben bis zu ihrer Pensionierung in einem herabgestuften Beschäftigungsverhältnis“, analysiert Pitscheider. „Sind die Aufgaben in der Familie allerdings gerecht aufgeteilt, wäre es öfter möglich, dass Frauen wieder in Vollzeit in ihren Beruf zurückkehren.“

Quelle: arbeitsmarktservice
Quelle: arbeitsmarktservice

Gleichbehandlung durch Pensionssplitting

Seit 01. Jänner 2005 besteht die Möglichkeit, dass Eltern für die Jahre der Kindererziehung ein freiwilliges Pensionssplitting vereinbaren. Dabei kann der erwerbstätige Elternteil bis zu 50 Prozent der Gutschriften im Pensionskonto auf den Erziehenden übertragen. Damit soll der durch die Kindererziehung entstehende finanzielle Verlust zumindest teilweise reduziert werden. Laut Auskunft der Tiroler Pensionsversicherungsanstalt nehmen dies lediglich ca. 20 Paare in Tirol in Anspruch. „Dass ein Elternteil seinen Anteil an den anderen abgeben soll, ist immer noch ein Tabuthema“, interpretiert Frauenreferentin Pitscheider. „Frauen müssen endlich für sich einstehen und Verantwortung übernehmen, was bedeutet, dass sie sich ihrem Partner gegenüber durchsetzen und gewisse Dinge einfordern müssen.“ VL